Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.
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Dracula

Vampir und Fledermaus - was haben sie wirklich miteinander zu tun?
Das ist eine sehr alte Geschichte, deren Anfänge, ganz wie es zum Thema paßt, im Dunkeln liegen. Die Welt war einmal voll von Vampiren und Wiedergängern in vielerlei Gestalt. Nicht nur Vampiren à la Dracula, sondern sie konnten alle möglichen Gestalten haben: nächtens umherschweifende Köpfe schlafender Menschen, Spinnen, Schmetterlinge - und im balkanesischen Roma-Aberglauben gibt es gar Vampir-Kürbisse.
Wenn ein Kürbis zu knurren und sich zu bewegen beginnt und gar ein Tropfen Blut austritt, dann wird es gefährlich...
Nicht immer hat die Menschheit über Tod, Fruchtbarkeit, Vegetationszyklen usw. Bescheid gewußt. Selbst die Erkenntnis „denn das Blut ist das Leben" mußte offenbar irgendwann gemacht und geistig verarbeitet werden.
Das waren Mysterien, die man sich zu deuten versucht hat, ausgehend von dem, was man wußte und bereits vor Augen hatte.
      
   
Die Fledermäuse waren in uralten Zeiten überall, wo der Mensch auch hauste, in den Höhlen, in den Hütten in der Wildnis. Sie hielten Winterschlaf und wurden im neuen Jahr gewissermaßen wiedergeboren und waren bis dahin gewissermaßen untot.
Ein früher indischer Vampirroman betont, sie würden verwesenden Leichen ähnlich sehen. Besonders bizarr, mit ihren Zähnen und Krallen manchmal echt zum Fürchten und dabei in mancher Beziehung doch erstaunlich menschenähnlich in ihrem Körperbau und ihrer Lebensweise, haben gerade diese Tiere die primitiven Menschen offensichtlich ungeheuer beschäftigt.
Manche Zusammenhänge lassen sich nur noch erschließen oder vermuten.
Reste dieser Mythen sind über die ganze Welt verbreitet: Lichtscheue Dämonen haben vielfach fledermäusische Eigenschaften, die Fledermaus transportiert als „Seelenvogel" die Seelen der Verstorbenen irgendwohin, sie spielt eine wichtige Rolle in allen möglichen Unterwelten, präkolumbianischen so gut wie altgriechischen.
Die Schatten oder Seelen Verstorbener gleichen in verschiedenen Kulturen den Fledermäusen (antike Unterwelt, keltisches Samhain-Halloween-Fest, afrikanischer Volksglauben).
Sie können die Lebenden heimsuchen und verlangen nach Blutopfern. Man hat in der Neuzeit lateinamerikanische Fledermausarten, die dem Weidevieh Blut aussaugen, nach balkanslawischen Wiedergängern in Gestalt von Fledermäusen benannt.
Unerklärlich blieben bis in historische Zeiten hinein auch bestimmte körperliche Mißbildungen wie überentwickelte Reißzähne, Krankheiten wie Anämie und Epidemien wie Tuberkulose, an denen nacheinander die Mitglieder ganzer Familien wegsterben konnten. Von Perversionen wie Nekrophilie mal ganz zu schweigen.
Wie der Hexenwahn auch, war eine der Erklärungen für allerlei Unheil das Treiben von Vampiren. Sie hatten in der Barockzeit in Osteuropa, auf der Grundlage älterer Vorstellungen, Hochkonjunktur.
Berichte darüber gelangten auch nach Westeuropa. Als der Schauerroman im 18. Jahrhundert in Mode gekommen war, kamen in diesen Werken mehr und mehr Fledermäuse und Vampire vor. Einige der ersten einschlägigen literarischen Figuren dieser Art, zumal „Melmoth der Wanderer" und gewisse Byron-Helden, waren unter dem Einfluß der römischen Dekadenz-Epik und von Miltons „Verlorenem Paradies" so schön dämonisch überhöht, daß von da an dem Vampir gern auch ein gewisses teuflisches Charisma zugeschrieben wurde.
Diese makabren Übermenschen und die ebenso faszinierenden männermordenden Damen der englischen Romantik wurden mit zu Inspirationen für die „Blumen des Bösen" von Charles Baudelaire (um 1860).
Lauter Einflüsse auf den Jugendstil. Der Jugendstil liebte es, sich schöne Frauen als schrecklich und gefährlich auszumalen - um ihnen desto weniger widerstehen zu müssen. Satanische und christlicher Verteufelung anheimgefallene Themen lagen ihm besonders am Herzen, weil er gegen die versteinerte bürgerliche Gesellschaft den Aufstand probte, mit Vorliebe neue Wege ging und auch die Ästhetik zu emanzipieren wünschte. Die Zeiten waren lustfeindlich. Phantasien über unheimliche wollüstige Begegnungen, Nacht und Tod wurden desto intensiver genossen. Immer mal wieder mit Anleihen bei einem weiteren Jugendstil-Modethema, der Fledermaus.
Bram Stokers Erfolgsroman „Dracula" (1897) schuf dann eine Art von vollentfaltetem standardisiertem Mythos des transsylvanischen Grafen und seiner Schicksalsgenossen. Von neuem sind balkanesische Überlieferungen aufgegriffen worden. Dracula steht den „Kindern der Nacht" nahe, kann fliegen und an senkrechten Wänden herumsteigen wie eine Fledermaus, der er auch mit seinem malerischen dunklen Umhang gleicht, ist aber auch gewissen magischen Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit unterworfen, lichtscheu wie eine Fledermaus.
Eine regelmäßig wiederkehrende finstere Macht mit wundersamen Wirkungsmöglichkeiten, gegen die ganz bestimmte Abwehrtechniken anzuwenden sind, fällt in die westliche Welt ein und wird immer wieder abgewehrt und ist nie ganz am Ende. Es sind vorwiegend die Schönen und Attraktiven, die angeknabbert werden und ihrerseits das grausame Spiel fortsetzen.
Unzählige weitere Stories ließen sich daraus gewinnen und an den jeweiligen Zeitgeist anpassen. Für den Kinofilm, dessen erste Anfänge noch in die Jugendstilzeit fallen, war das von Anfang an ein Fressen.
Gut hundert Jahre später läßt sich feststellen: Dieser wohl späteste traditionsreiche Ableger der alten Mythen hat so gut wie alle anderen Mythen überlebt. Er ist wohl noch der einzige, den jedes Kind in seinen wesentlichen Einzelheiten kennt.
Auch neueste Moden greifen ihn auf und spielen mit seiner Ästhetik. Der echte Horror von heute, der oft in wenig greifbarer Weise die Leute auszehrt, vermehrt nur das Vergnügen, dem Verhängnis eine schöne phantastische Gestalt zu geben. Je nachdem, ob jemand die Vampire liebt oder nicht, kann das Folgen für die jeweilige Einstellung zur völlig ungefährlichen Fledermaus haben.
Halten wir fest: Niemand braucht sich zu fürchten. Aber nichts spricht gegen literarischen Horror!
Margarethe Gönner
Literatur: Adrian Baar (Hrsg.), Erzählungen eines indischen Vampirs. Frankfurt a. M. 1977 Hans Richard Brittmacher, Ästhetik des Horrors. Frankfurt a. M. 1994 Matthew Bunson, Das Buch der Vampire. Ein Lexikon. München 1997 Gottfried Kirchner (Hrsg. ), Terra-X. Schatzsucher, Ritter und Vampire. München 1995 Raymond T. McNally und Radu Florescu, Auf Draculas Spuren. München 1994 Hans Meurer,Vampire. Die Engel der Finsternis. Die dunkle Seite von Blut, Lust und Tod. Freiburg i. Br. 2.001 Harry A. Senn, Werewolfe an Vampire in Romania. New York 1982

 

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