Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.
Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.   

Jugendstil

Die Fledermaus als Jugendstilmotiv
Ab Mitte den 19. Jahrhunderts war infolge zunehmender imperialistischer Einflussnahme auf Ostasien gutes chinesisches und japanische Kunsthandwerk in Europa in den Handel gekommen.
In China gehörte die Fledermaus zu den vielen Glückssymbolen, in Japan sollen Schwerstichblätter auch mit dieser Metapher für die Vergänglichkeit des Kriegers dekoriert gewesen sein. Insbesondere Hokusais Skizzenblätter zeigten eine scharfumrissene, durchgestylte Welt kleiner, in Europa weniger beachteter Tiere in erlesenen Farbtönen.
 Ein fix und fertig angelieferter Mikrokosmos, der durch scheinbare Voraussetzungslosigkeit desto mehr bestach, da die geistigen Hintergründe nicht mitverkauft worden waren.
Die Sachen fanden ihre Freunde, zunächst unter den Sammlern. Einflussreiche Kulturträger der Pariser Salons, gewohnt, ihre künstlerischen Interessen zu lancieren, brachten sie in Mode.
Der berühmt- berüchtigte Robert de Montesquiou, mehr als einmal Vorbild für Romanhelden u.a. bei Marcel Proust, machte die Fledermaus zum Zimmer- und Buchschmuck (seines 1893 erschienen Gedichtbändchens " Les chauves- souris"),nach der Devise " es gibt im Leben nichts schöneres, Großartigeres und Süßes außer den geheimnisvollen Dingen.
Nahe dran an diesem Treiben, gleichfalls angetan und insiriert von ostasiatischen Kostbarkeiten, beflügelt von ihrem eigenen Können, leisteten die großen Glas- und Schmuckkünstler der Zeit ihren Beitrag : Emile Gallé, René Lalique, Philippe Wolfers.
Sie fanden die ganz großen Herausforderungen in der Wiedergabe von durchscheinenden Blütenblättern, durchscheinenden Fledermausflügeln, Fischen im Wasser oder Insekten von "scheußlicher Lebendigkeit".
Lalique machte die Fledermaus schließlich zu so etwas wie seinem Markenzeichen, indem er die Überdachung seines stark beachteten Verkaufstandes auf der Pariser Weltausstellung von 1900 mit bronzenen Fledermäusen schmückte.
Man war erpicht darauf, ansprechende neue Themen zu finden, aber auch altbekannte Bildungsgüter in ganz anderem Licht zu sehen. (erstmals waren brauchbar Reproduktionen der Sammlungen der namhaften Museen erhältlich.) Die schillernd- neuartige Fledermaus aus dem Fernen Osten bzw. aus Paris kreuzte sich mit einer sehr viel tristeren europäisch- orientalischen Überlieferung: Da war sie ein Unterweltstier, wenn nicht ein höllischer Dämon, und stand für Nichtigkeit, Traurigkeit, Groteske, Reaktion.
Der Antike wurden lustvollere, aufreizendere und gruseligere Stoffe abgewonnen als diejenigen, die ein verwissentschaftlichter und staatstragender Bildungskanon verbindlich zu machen versucht hatte.
Ganz groß im Schwange darunter: die Unterwelt mit ihren verhuschten, flatternden, fledermausähnlichen Schattenseelen und die unterweltliche Göttin Medusa, die außer Schlangenhaaren auch Fledermausschwingen haben kann.
Daneben wurde Satan, mit oftmals den gleichen Schwingen, zum schönen schwermütigen Rebellen stilisiert. Die schwarze Messe, die Fledermaus als Hexentier und Zauberding wurden aus der Phantastischen Romantik übernommen.
Ein weiteres tödlich- schönes Unheilswesen: der Vampir, in weiblicher schier mehr noch in männlicher Gestalt. Spätestens seit Bram Stokers Erfolgsroman "Dracula" (1897) bestanden vielfältige Beziehungen zu den "Kindern der Nacht".
Die Fledermäuse konnten auch ganz schlicht Nacht und Abendstimmungen anreichern, und der Jugendstil war, unter romantischem wie auch japanischem Einfluss, in Nacht und Abend verliebt. Ein Traum von einer Schmuckidee zur Abendgarderobe, leicht sündig und gefährlich, leicht übermütig.
Wer weniger hochgestochen dachte, kannte immerhin die populäre Strauß- Operette von 1874, deren "Fledermaus" nicht mehr als ein Karnevalskostüm ihrer Vorgeschichte ist und nicht mehr zu sagen hat als Ausgelassenheit und Aushausigkeit.
So waren reichlich viele Gegensätze zusammengekommen, mit denen sich spielen ließ. Die meisten Fledermäuse in der schönen Literatur der Zeit zeichnen sich dadurch aus, dass im unklaren gelassen wird, ob man es überhaupt mit Fledermäusen (oder beispielsweise mit Schatten/armen Seeelen, Schmetterlingen, Vögeln oder was auch immer) zu tun hat. Übermut mit einem Hauch Schwermut, Schwung, nach vorheriger Verhocktheit oder Unterdrückung, beauté du diable - das waren nur einige von vielen gewollten Wiedersprüchen.
Angefangen hat das bereits mit Baudelaires überaus wirksamem "Spleen"-Gedicht, das die Hoffnungslosigkeits- Fledermaus aus Dürers "Melencolia I" sichtlich zum Vorbild hat, die Bedeutung aber mit unversehens umkehrt und die Hoffnung ausgerechnet mit einer hilflos im Keller herumschwirrenden Fledermaus vergleicht.
Der Verwendung in der Gebrauchskunst waren vollends keine Grenzen gesetzt. Als Spiel biegsamer und gebrochener Linien, als Ensemble feingewölbter, wunderbar zu emaillierender Flächen, als denkbar anschmiegsames Gebilde war dieses Tier vielseitig anwendbar wie eine Pflanze, hatte den Reiz des Neuen und war doch von der Akanthusblätter- Vorbildung vieler Kunsthandwerker so weit nicht weg.
Bei manch abstrakt- vegetativer Zierform lässt sich darüber streiten, ist das nun geripptes Blatt oder gerippter Flügel. Selbst eine unsichtbare Fledermaus, die in die bogenförmig aufgewölbte Fledermausgaube lediglich hineinzudenkende, war allgegenwärtig.
Seine ersten Anfänge erlebte unterdessen, fern von der Hochkultur, das Kino. Es hatte sich vor der Jahrhundertwende aus dem Fundus des Zeitgeschmacks bedient und machte von da an Hölle, Vampire und Vamps unsterblich.
   Das Ende des Jugendstils ist bekannt: Erster Weltkrieg, rauere Zeiten, Überdruss an den lieblichen Auswüchsen. Die von ihm entdeckte Fledermaus lebte in einigen Folgekunstrichtungen (Expressionismus, Surrealismus, Neuromantik) bruchlos weiter, da sie weniger verkitscht worden war als gängigere Tiermotive, etwa die sattsam bekannten Schwäne und Pfauen.
Die sympathische Fledermaus war nicht totzukriegen, die schaurig- schöne auch nicht.
Margarethe Gönner
Im März 2002

 

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