Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.
Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.   

 Wie aus der Ratte ein fliegender Hund wurde (Neuseeland)
Eine Ratte war es müde, immer nur auf der Erde herumzulaufen. Neiderfüllt beobachtete sie, wie sich der Fliegende Hund durch die Lüfte schwang und sich auch am hellen Tage nicht in einer Höhle verstecken musste, sondern ohne Gefahr und in frischer Luft mit dem Kopf nach unten kopfabwärts an einem Ast hoch oben im Baum schlafen konnte.
Ein Fliegender Hund sollte man sein können! Die Ratte kletterte mühselig auf einen Baum, in dem sich der Fliegende Hund gerade an herrlichen Früchten gütlich tat, und sagte": Wie kannst du dich unterstehen, von meinen Früchten zu essen?"
Der Fliegende Hund, der durch seine Ruhestellung mit dem Kopf nach unten nicht gerade an Schlauheit gewonnen hatte, entschuldigte sich bei der Ratte": Ich werde es nie wieder tun!"
Da sagte die pfiffige Ratte: "Na schön! Ich werde ein Auge zudrücken. Ich möchte sogar mit dir Freundschaft schließen, und dann kannst du immer von meinen Früchten nach Herzenslust essen."
Hochbeglückt erklärte sich der Fliegende Hund damit einverstanden.
Die Ratte sagte": Da wir jetzt Freunde sind und ich dir erlaubt habe, von meinen Früchten zu essen, kannst du mir auch einen kleinen Gefallen erweisen. Leih mir bitte deine Flügel, nur auf ein paar Minuten. Ich möchte auch gerne einmal fliegen lernen."
Der Fliegende Hund knöpfte sich die Flügel ab, und die Ratte nahm sie behände in Besitz. Das dumme Gesicht des Fliegenden Hundes wurde immer länger, als er sah, dass die Ratte keinerlei Anstalten machte zurückzukommen und die Flügel wieder abzuliefern. Und so musste der Fliegende Hund den Baum verlassen und auf der Erde als Ratte weiterleben.
Noch heute sieht er mit Sehnsucht der Ratte hinterher, die jetzt als Fliegender Hund in der Dämmerung durch die Lüfte flattert und kopfabwärts am Aste eines schattenspendenden Baumes hängend den sonnigen Tag verschläft.
Neuseeland
Märchen der Südsee Fischer Taschenbuch Verlag März 1976
   

 

Die Ratte und der Fliegende Hund (Polynesien)
Es war einmal eine Ratte, die wollte gern die Flügel des Fliegenden Hundes haben. Das war leicht gesagt, aber schwer getan, denn der Fliegende Hund flog immer hoch oben in den Lüften, und der Ratte half es gar nichts, dass sie ein großer Häuptling war, sie musste stets auf der Erde herumkriechen.
Sie sann über eine List nach und schaute nach einem Baum mit Früchten aus, welche der Fliegende Hund sehr liebte. Sie merkte, dass der Fliegende Hund die Früchte des Korallen- Baumes mit den schönen roten Blüten allen anderen vorzog. Tagelang sah die Ratte, wie er nur an diesen Früchten naschte; gatae heißt er und wird 'alo 'alo genannt.
Da dachte die Ratte sich folgendes aus": Schön, ich werde da mal hinaufsteigen, wo der Fliegende Hund sitzt." Sie ging also zu ihm und gelangte auch auf den Baum hinauf. Als sie ihn aber anredete, flog der Fliegende Hund fort und hing sich an einen anderen Baum, dessen Früchte er ebenfalls gern mochte.
Die Ratte stieg wieder herunter und kletterte auf dem anderen Baum nach oben. Als der Fliegende Hund sie bemerkte, wollte er flüchten, doch die Ratte rief ihm zu": Lauf doch nicht davon! Es macht ja nichts, dass dies nicht dein, sondern mein Baum ist. Warte, bleib hier, ich möchte einmal etwas mit dir besprechen."
Da antwortete der Fliegende Hund": Gut, ich will warten; aber was für wichtige Dinge hast du denn mit mir zu bereden?" Die Ratte sagte": Sag einmal, Herr Pe'a, wie kommt es denn, dass ihr ohne meine Erlaubnis hier vom Baume esst? Ich esse doch davon."
Der Fliegende Hund antwortete": Ratte, ich bitte vielmals um Entschuldigung, du hast recht."
Und die Ratte sprach wiederum": Ich bin dir deshalb nicht böse, im Gegenteil, ich möchte mit dir Freundschaft schließen; Pe'a, ich werde dich nicht wegjagen, komm nur ruhig her zu dem Baum und iss dich satt."
- „Schön", sagte der Fliegende Hund," dann wollen wir Freunde werden."
Alsbald sprach die Ratte": Pe'a, hast du denn keine Angst, wenn du dort so hoch oben in den Lüften fliegst? Wenn ich nur hinsehe, kommt es mir doch sehr hoch vor, wo du fliegst."
Fliegender Hund": Nein, Ratte ich fürchte mich nicht."
Ratte:" Ist das auch wahr?"
Fliegender Hund": Wirklich, ich bin nicht bange."
Ratte:" Pe'a, dann habe einmal ein Einsehen. Sei so gut und leihe mir deine Flügel. Ich möchte das fliegen gerne lernen; dann kann ich ja sehen, ob du wirklich mein aufrichtiger Freund bist."
Fliegender Hund": Gern, ich will nur eben nach dem Baum dort fliegen; ich komme gleich wieder; iß du dich derweil ordentlich an den Früchten satt."
Der Fliegende Hund nahm seine Flügel ab und heftete sie der Ratte auf den Leib. Die sagte": Pe'a, darf ich dir meine Sachen zur Aufbewahrung geben, sie hindern mich nur am Fliegen."
Dann gab sie dem Fliegenden Hund den Schwanz und die vier Füße; der nahm sie in Empfang, setzte sich die Füße ein und heftete den Schwanz an seinen Hinterleib.
Und wieder ermahnte der Fliegende Hund": Ratte, komm aber gleich wieder, damit ich mich nicht verspäte."
Die Ratte antwortet": Ja ich komme rasch zurück; bleib nur und iss dich ordentlich satt."
Dann flog die Ratte fort, und der Fliegende Hund aß von den Früchten. Dabei schaute er hinter der Ratte her, die sich weiter und weiter entfernte, und der es gar nicht einfiel umzukehren. Nun weinte der Fliegende Hund und klagte": Aue! Aue! Aue! Die Ratte hat mich angeführt; sie ist mit meinen Flügel davongegangen."
Dies ist die Geschichte von Pe'a, dem die Flügel gestohlen wurden und der nun auf der Erde leben muss. Und die Ratte heißt jetzt Fliegender Hund, während die der Fliegende Hund zur Ratte wurde.Davon rührt auch das Sprichwort her, das die Sprecher gebrauchen, wenn ein Häuptling vom anderen betrogen wird. Dann sagen nämlich die Sprecher": Aber kanntest du nicht die Freundschaft vom Fliegenden Hund und der Ratte?"
Polynesien Südsee MärchenEugen Diederichs Verlag 1979

 

seit 22.2.2017

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