Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.
Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.   

Märchen 3

Die Fledermaus (Nordamerika)
Einmal, so erzählt man sich, führten die Vierbeiner und die Vögel miteinander Krieg. Groß war das Aufgebot an tapferen Kriegern, die sich auf einer Waldlichtung ein wildes Gefecht lieferten. Der Kriegshaufen der Vögel verlor den Kampf. Da versteckte sich die Fledermaus, die sich auf die Seite der Vögel geschlagen hatte, unter einem alten Baumstamm, während alle übrigen Vögel ihr Heil in der Flucht suchten. Als die Sieger sich über die Beute hermachten, kroch die Fledermaus scheinheilig aus ihrem Versteck hervor und tat ganz so, als ob sie auch dazugehörte. Die vierbeinigen Tiere wunderten sich und fragten einander": Nanu? Die Fledermaus gehört doch zu den Vögeln, wie kommt sie denn auf einmal hierher?" Das hörte die Fledermaus und erwiderte": Nein das ist nicht richtig! Habt ihr schon einmal einen Vogel mit einem Fell gesehen? Außerdem habe ich Zähne im Maul, und es gibt keinen Vogel, der Zähne hat. Wenn ihr mir auch nur einen Vogel zeigen könntet, der einen einzigen Zahn im Schnabel sein eigen nennt, will ich gern zu den Vögeln gehören."Zu solcher Rede wussten die Tiere nichts zu sagen und dachten, dass sie sich vielleicht geirrt hätten. Kurz danach lieferten sich die beiden feindlichen Lager ein zweites Gefecht, und wieder verkroch sich die Fledermaus, als sie sah, dass diesmal die Vierbeiner verloren.
Nachdem alles vorüber war, kam sie hervor und mischte sie unter die siegreichen Vögel.
Diese aber wunderten sich und riefen": Du gehörst doch nicht zu uns! Du gehörst doch zu den vierbeinigen Tieren."
„ Oh, da irrt ihr euch aber", sagte die Fledermaus gekränkt, „ich gehöre zu den Vögeln, denn ich kann fliegen. Wenn ihr mir auch nur ein Tier zeigt, das fliegen kann, dann will ich gern zu den Vierbeinern gehören."
Die Vögel wussten darauf keine Antwort und glaubten, dass sie der Fledermaus vielleicht Unrecht getan hätten.Am Ende machten die feindlichen Parteien ihren Frieden miteinander, und Vierbeiner und Vögel bildeten einen großen Kreis ums Feuer, um Freundschaft zu schließen. Die Fledermaus jedoch wusste nicht, auf welche Seite sie sich setzten sollte. Da kam es schließlich heraus, welche Rolle sie gespielt hatte. Zur Strafe beschlossen die Tiere, dass sie von nun an allein bleiben müsse. Die Fledermaus aber schämt sich noch immer und traut sich nur bei Dunkelheit auszugehen.
ModocMärchen der Nordamerikanischen Indianer
rororo Diederichs Märchen der Weltliteratur Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH Januar 1992   
   
      
   
       
   Miguel Barnet Kuba
Der Tanz der Fledermäuse
In Richtung Vega gibt es auf einem Hof in den Bergen ein Haus, in dem, wie man erzählt, die bestbesuchten Feste der ganzen Gegend veranstaltet wurden. Sie wurden mit Fähnchen, Vogelfedern, Kornblumen und Schmetterlingen geschmückt. Das Haus hatte kein Dach, denn den Vögeln gefällt es unter freiem Himmel.
Die Feste in der Nacht waren noch prächtiger: Selbst der Himmel schmückte sich mit einem dunkelrosa Streifen. Die Spinnen webten ein durchsichtiges Netz, und der Specht kam, schnürte es zu einem Packet zusammen, und so entstanden die Wolken. Sehen wir, was auf dem Fest des Gevatters Hahn, der Präsident und Portier in einem war, geschah.
Wer ankam, sah als erstes ein Schild: GROSSES WOHLTÄTIGKEITSFEST NUR TIERE, DIE FEDERN UND FLÜGEL HABEN; KÖNNEN TEILNEHMEN
Der Hahn hüpfte ausgelassen an der Tür und empfing die anderen Hähne mit ihren Hennen, die Pitirres*, die Tauben, die sehr elegant gekleideten Kanarienvögel, mit Strohhut das Männchen, mit Netzjacke das Weibchen; ein schönes Schwanzkleid!So trat man ein, und der Hahn:" Guten Abend, Gevatter Grille."Und das Grillenmännchen mit seinem Stimmchen": Guten Abend." Und seine Frau": Pfi, pfi, pfiii", was wie eine Trillerpfeife klang.
Schließlich kamen alle Vögel der Gegend, und das Fest begann. Ein Orchester, das sie selbst bildeten, verschönte die Abendgesellschaft. Der Täuberich dirigierte, die Taube sang die erste Stimme, der Hahn am Kontrabass, der Pitirre- wie gut der Pitirre die Pauke schlagen konnte!
Die Wachtel spielte auf einem alten Saxophon, das sie gefunden hatte. Die Wachtel spielte gut. Gevatter Grille spielte nichts, aber er gab mit seiner Frau die Betonung an.
Es gab weder Klavier noch Harfe, wie auf anderen Festen, denn die Vögel sangen ihre Lieder, und es klang harmonisch, wenn die Eule einen furchtbaren Lärm machte.Das war das Festorchester. Na schön, es fehlte die Sperlingstaube, die, wenn man sie ernsthaft betrachtet, so aussieht, als sei sie vor dem Teufel geflohen, weil er ein größeres Philharmonisches Orchester als sie hatte, das in bewundernswerter Weise auf Zuckerohrstielen spielte.
Die anderen tanzten. Son, Changgui**, Walzer.Der Hahn und die Henne trennten sich nicht.„Gevatter ihr tanzt heute wundervoll."„Ach was, Frau, ich muss heute ein Beispiel geben", antwortete der Hahn.
Tam, tam, tam!„ Entschuldigt mich, ich gehe öffnen", sagte der Hahn zu seiner Frau und begleitete sie zu ihrem Platz.Der Hahn öffnete und sah vor sich die Fledermäusin und den Fledermäuserich, beide in Festkleidung.„Was führt euch her", fragte der Hahn mit der Stimme eines trockenen Kürbisses.„Gevatter Hahn, meine Frau und ich sind müde von der Dunkelheit, und kommen, um uns die Zeit zu vertreiben."„Aber habt ihr nicht das Schild gelesen?"„Doch, Gevatter Hahn."„ Wie wagt ihr dennoch herzukommen, wenn keiner von euch beiden ein Vogel ist, weil ihr - was man an der Zunge sieht- halb Vogel und halb Maus seid. Hier könnt ihr nicht tanzen kommen. Wer hat jemals einen Vogel mit Zähnen und rauchend gesehen? Raus, versucht euer Glück anderswo."
Der Fledermäuserich und die Fledermäusin antworteten nicht, denn die Brettertür fiel vor ihr Nase zu, wumm!Die Sonne ging unter. Sie liefen Hand in Hand weiter.In Richtung Loma, in der Nähe des Tals der Ruhe, gab es ein anderes Fest, das nicht so berühmt war, aber schließlich und endlich doch ein Fest.
Der Fledermäuserich ließ die Hand seiner Frau nicht los, und sie folgten dem Pfad.Ein bisschen müde, aber tapfer trotz der Seufzer, die sie von sich gaben, kamen sie zu dem Fest der..., also der Tiere, die keine Vögel waren, der Ratten, der Frösche, der Eidechsen, und so weiter, und so weiter, und so weiter.Hier gab es auch fröhlichen Lärm. Es war weniger geschmückt, aber ein Geruch nach gebratenem Spanferkel ließ einem das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Das Orchester war größer,das ja.Am lautesten hörte man den Flügel.Die Fledermäusin blickte durch die Palmen und sah den Laubfrosch mit Puder im Gesicht, spielen.Der Fledermäuserich klingelte an der Tür.Es gab weder ein Schild noch irgendeine Bekanntmachung, denn sie hatten vorsichtshalber nachgesehen. Sie klopften sanft, und es öffnete der Frosch, der Portier war.„Was führte euch her, Gevatter Fledermaus?"„Guten Abend, mein verehrter Gevatter Frosch. Meine Frau und ich sind den ganzen Weg über die Felder gelaufen, um hier ein bisschen mit euch zu tanzen. Wir sind es müde, die ganze Zeit in der Höhle umherzufliegen. Die Dunkelheit macht dumm, und wir wollen klug und gesellig sein wie die anderen. Dürfen wir eintreten und ein Tänzchen machen?"
Der Frosch, der den Fledermäuserich mit der Pfeife im Maul und in Festkleidung sah, sagte ganz ernst": Einen Moment", und ging sich mit den anderen beraten.Die Beratung dauerte eine Stunde. Die beiden zitterten draußen schon vor Kälte.Die Musik ging weiter, vor allem das Klavier, taratatam, tam, tatam, tatam, tam... Die Fledermäusin sah ungeschickt durch den Türspalt.Dem Fledermäuserich rutschten die Beine weg.Nach einer Stunde kam der Frosch mit einer kleinen Leiter auf dem Rücken und öffnete die Tür.Er sah Gevatter Fledermäuserich und die Gevatterin Fledermäusin nicht einmal an. Er stieg auf die Leiter und hängte folgendes Schild auf:TIERE MIT FLÜGELN BEI DIESEM FEST VERBOTENdie Direktion.
Er schloss die Tür, und das Orchester wurde lauter und erschreckte das ganze Tal.Es war ein Spottlied." Werft sie hinaus, werft sie hinaus, damit sie uns nicht stören."
Klar, dass sie beide damit gemeint waren.Deshalb gingen sie, ohne sich zu beklagen, denselben Pfad und durch dieselben Felder zurück.Seit jenem Tag muss man mit einem Seil und einer Laterne in die Höhle steigen, um sie zu sehen. Und auch dann sieht man sie nicht gut, weil die beiden aus der Dunkelheit der Höhle gemacht sind.Sie sprechen miteinander, sie verstehen sich; wo er hingeht, geht auch sie hin, sie folgt ihm, Kreise zu ziehen, weil sie nicht ausgehen, nicht einmal um sich zu sonnen. Fledermäuserich und Fledermäusin leben vor Scham vergangen, weil sie weder das eine noch das andere sind: halb Vogel mit Flügeln, halb Maus mit Zähnen. Sie vergehen vor Scham.
Aus dem Spanischen von Heidi Brang
* kleiner bunter Vogel auf Kuba
** kubanische Volkstänze
Der Tanz der Fledermäuse TiergeschichtenVerlag Volk und Welt Berlin 1985

 

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