Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.
Freundeskreis der Schloßfledermäuse Tübingen e.V.   

Märchen

Die Fledermaus und der Korbeine Mythe der Kono aus Sierra Leone
Als die Welt erschaffen, aber noch nicht bevölkert war, beleuchtet, aber nur erst von Tieren bewohnt, war die Nacht ebenso hell wie der Tag, weil der Mond ebenso strahlte wie die Sonne. Der Nachthimmel war kornblumenblau, und einzig die sich ausbreitenden Äste der Bäume und die purpurfarbenen Gewitterwolken warfen ein willkommenes Schattenmuster auf den Boden.
Da fragte Gott eines Tages seine Tiere": Wer von euch will hinaufgehen zum Haus des Mondes und diesen Korb für mich abgeben?" "Ich nicht", sagte der Adler, " die Helligkeit des Mondes blendet meine Augen." Und das galt auch für alle anderen Vögel, denn der Mond leuchtete in weißer Glut.
" Ich gehe", sprach Frau Fledermaus." Ich bin blind und die Helligkeit stört mich nicht."Also vertraute Gott Frau Fledermaus einen großen verschlossenen Korb an, aus seltsamen Binsen geflochten. Darin klapperte nichts, wenn man ihn schüttelte, und er wog nicht mehr als eine Hand voll Federn.
Gott verriet nicht, was darinnen war. Frau Fledermaus breitet ihre Flügel aus, hakte den Korb an einer ihrer Krallen der ledernen Flügelfalte fest und flog zum Mond hinauf.Aber wenn der Korb auch leicht war, so war er doch schlecht zu tragen. Nach einer Weile wechselte Frau Fledermaus ihn zum anderen Flügel über und flog weiter. Wiederum nach einigen Meilen schlang sie sich die Henkel griffe um den Hals und flog weiter. Aber als sie endlich den Hang des Mondscheinhügels erreicht hatte, der sich genau unterhalb des Mondes befand, war sie völlig erschöpft.
Desgleichen hungrig. sie setzte den Korb nieder und flog auf und ab, um Insekten zu schlürfen im Wind. Ein paar Tiere kamen über den Hügelkamm dahergetrottet. Zuerst hob ein Fuchs den Korb auf, um zu sehen, ob er schwer wäre von gutem Essen. Aber er wog nicht mehr als eine Hand voll Federn."Muss wohl leer sein", sagte er.
Eine Kuh kam vorüber, nahm den Korb mit einem ihrer Hörner auf und schüttelte ihn, um zu sehen, ob er voll wäre mit Getreide. Aber als darin nichts rasselt, ließ sie ihn wieder fallen, und dabei öffnete sich der Deckel ein wenig.
Ein Ameisenbär kam des Wegs, und als er einen Schlitz fand, der gerade breit genug war für seine lange Nase, steckte er diese hinein, um herauszufinden, ob der Korb wohl voll wäre mit Ameisen. Aber alles, was er schnüffeln konnte, war ein feuchter, dunstiger Geruch, und so ließ er den Korb liegen. Der Deckel hatte sich inzwischen noch ein wenig weiter zur Seite geschoben.
Kam ein Affe daher mit geschickten Pfoten, konnte seine langen Finger am Deckel vorbeischieben und damit herumtasten. Vielleicht war der Korb ja voll mit Bananen! Aber alles, was er ertasten konnten, war eine klamme Kälte, und so zog er seine Pfote wieder heraus.Er machte sogar den Deckel wieder zu.
Kam ein Elefant daher. Bemerkte den Korb nicht einmal. Er war's, der ihn umstieß und den runden Deckel davonrollen ließ, er war's, der den ganzen Inhalt über den Mondscheinhügel verstreute.Plötzlich stieg eine Säule von nebliger Düsternis trichterförmig auf und verschlang den Mond, besudelte sein helles Antlitz mit Dreck und rußigen, dunklen Schmutzflecken. Seine leuchtenden Strahlen verblichen wie die Blütenblätter einer Blume, die der Frost zerstört hat. Einstmals dem Golde, glich der Mond nun eher angelaufenem Silber.Mit einem Mal war der ganze Hügel in Finsternis getaucht- die erste Finsternis, die die Welt je erlebt hat. Die war nicht gesprenkelt wie der Schatten unter den Bäumen, nicht grau, wie wenn die Wolken die Sonne verbergen. Es war eine dicke, sirupartige, dichte, undurchdringliche Schwärze, dergestalt, dass der Elefant nicht das Ende seines Rüssels sehen, der Affe nur bis zu den Bananenstauden blicken, der Ameisenbär nicht die Bewegungen der schwarzen Insekten auf dem schwarzen Boden wahrnehmen konnte.
Die Kuh stand stocksteif da. Die schwarzen Pupillen in den gelben Augen des Fuchses weiteten sich wie zwei kleine Monde.Was auch immer Gott mit dem Korb Dunkelheit vorgehabt hatte, es war nun nicht mehr möglich.
Frau Fledermaus, die zurückflog, um ihre Reise zu beenden, flatterte in eine stetig wachsende Dunstwolke hinein." O nein! O nein!", schrie sie, und ihre Stimme war schrill vor Entsetzen, schriller als jede Vogelstimme, schriller als eine Pfeife- so hoch, dass Menschenohren sie gar nicht mehr hören können.Hierhin und dorthin eilte Frau Fledermaus und versuchte dabei, die Düsternis wieder in den Korb zurückzuschaufeln:"O nein! O nein! O nein!"
Das versucht sie nun jeder Nacht. Jeden Abend, wenn die Sonne untergeht und der Mond auf und wenn die Dunkelheit über die Erde hinwegschleicht, flattern Abertausende von Nachkommen der Frau Fledermaus aus ihren Höhlen und versuchen, die Dunkelheit einzufangen und sie in den Korb zurückzuscheuchen, in den Gott sie einst verwahrt hatte. Aber die Dunkelheit ist viel zu groß für sie, viel zu wenig greifbar. Und so werden sie es wohl noch in alle Ewigkeit versuchen.

 

    Das Märchen von der Fledermaus, die singen lernen wollte
In dem hohen Kirchturm lebte eine uralte Fledermausfamilie; ein Vater, eine Mutter und ein Fledermauskind. Sie taten alle sehr vornehm, trugen lange Regenmäntel und verkehrten nur mit einer grauen Eule.
Das Feinste an ihnen war aber ihre Wohnung über einem verfallenen Turmfenster. Von außen sah sie zwar wie ein großer Schmutzkloß aus, aber das war nur der Diebe halber.
Denn die Spatzen, wenn sie ein feines Vogelnest sehen, lauern so lange, bis die Bewohner einmal alle ausgeflogen sind, schleichen sich dann hinein und stehlen, was sie brauchen können.
Nun haben reiche Fledermäuse gewöhnlich einen großen Würmervorrat in der Speisekammer, und auf den sind die Spatzen besonders erpicht. Darum also war die Außenseite der Fledermauswohnung nur unscheinbar und ärmlich, aber die innere Einrichtung desto bequemer und schöner. Da stand ein kleiner Birkenschrank voller Käferschalen, die als Teller dienten, und darunter winzige Marienkäferflügel als Tassen. Das Herrlichste aber waren weiche Betten von richtigen Menschenhaaren, und darauf waren die alten Fledermäuse besonders stolz. „Warum haben wir Betten von Menschenhaaren?" fragte das junge Fledermäuschen. Es war zwar schon zwanzig Jahre alt, aber noch schrecklich dumm. Und das war gerade das Nette an ihm. Der Vater, der mit der Fledermausmutter auf dem Sofa saß, sagte leise: „Wie entzückend dumm das Kind ist! Das macht die Erziehung." Dann rief er das Töchterchen zu sich, streichelte ihm das Köpfchen und sprach: „Sieh, Mäusechen, früher glaubten Kinder, wir flögen ihnen in die Haare und fürchteten sich. Da taten wir's denn auch, und daher haben wir weiche Betten. Jetzt aber fürchten sich die Kinder nicht mehr, wenn sie uns sehen, und darum können wir ihnen auch nichts mehr tun."
„Hu, hu, hu!" schrie es in diesem Augenblick draußen vor dem Neste. „ Wir bekommen Besuch", sagte die alte Fledermaus und zupfte sich schnell die Haare zurecht. „Geh, Mäusechen, und wasch dir schnell Schnabel und Pfoten, der Eulenherr ist draußen." Da hüpfte Mäusechen in die Küche, und die alte Fledermaus machte die Nesttür aus. „Hu,hu,hu!" sagte die graue Eule und machte einen Kratzfuß, „wie geht es euch Frau Nachbarin? Hu, hu, hu!" „ Ich danke", sagte die Fledermaus, „ ein bißchen Gicht im rechten Flügel von der letzten Nacht. Sonst geht's." „Hu, hu, hu!" schrie die Eule und rollte die roten Augen wie Räder im Kopf herum, „es war eine herrliche Nacht. Der Sturm heulte wütend um den Turm herum, der Wetterhahn kreischte und ächzte, die Dachziegel rasselten in die Blechgosse hinunter, die Fenster klirrten in Scherben, hu, hu, hu, es war eine herrliche Nacht! Nur schade, dass ich allein war, ich will mich verheiraten."
„Mäusechen!" rief die alte Fledermaus, „ wo bleibst du denn nu?" Mäusechen kam hereingehüpft und hob zweimal vor der Eule die Flügel. „ Also verheiraten?" gurrte die alte Fledermaus, „ wie schade, dass Mäusechen erst zwanzig Jahre ist."„ Jugend ist für mich kein Hindernis", meinte die Eule, „ ich bin auch erst achtzig Jahre alt. Aber ich suche unter allen Umständen eine Frau, die singen kann. Gesang ist bei mir die Hauptsache, hu, hu, hu. Ich könnte die Nachtigall und die Lerche und die Amsel und die Meise haben, aber die Familie ist mir nicht alt genug. Auch sind sie mir zu anspruchsvoll, wollen den Winter im Süden leben, hu, hu. Ich suche eine Frau, die das ganze Jahr hier bleibt und gut singen kann. Kennt ihr das Eulenlied?"
„ Nein" rief Mäusechen, „bitte, singe es doch." „Du musst nicht mehr zu allen Herren "du" sagen", flüsterte ihr die alte Fledermaus zu, „das schickt sich nicht. "Die Eule aber rollte die Augen und schrie:
„Hu, hu, hu, ohne Ruh'
jede Nacht wird gewacht,
ob im Sturm nicht der Turm
endlich mal zusammenkracht.
Hu, Hu, hu."„ Das ist ein prächtiges Lied", rief Mäusechen und schlug vor vergnügen mit den Flügeln, „ dabei fühlt man sich so recht gemütlich."
„Nicht wahr?" sagte die graue Eule, „wie schade, dass du nicht singen kannst." Dann schüttelte sie bedauerlich den Kopf, runzelte die Stirn, rollte die Augen und flog davon. „Hu, hu, hu!" rief sie noch von weitem. Mäusechen aber wurde ganz traurig und fing an zu weinen
.„Ach, wenn ich doch nur singen könnte", wimmerte sie, „wenn ich doch nur singen könnte!"„ Das sollst du lernen", tröstete sie die Fledermausmutter, „weine nur nicht, mein Mäusechen, das sollst du schon lernen." Und sie zog Mäusechen zum Ausgehen an, sagte dem alten Fledermauspapa „Auf Wiedersehen" und flog mit ihr in den Wald zur Nachtigall.
Die saß auf einer prächtigen Eiche und gab den Vögeln Gesangstunde.„ Guten Tag, Nachtigall", sagte die alte Fledermaus, „mein Mäusechen möchte gerne singen lernen."
„Kann sie denn die Tonleiter?" fragte die Nachtigall.„ Ich glaube nicht ganz in der Reihenfolge", meinte die alte Fledermaus.„Nun singe einmal nach!" rief die Nachtigall.
„ Im Sonnenschein, im Sonnenschein,
ziep, ziep, ziep!
da singen alle Vögelein:
Ziep, ziep, ziep!
Sie singen hell aus voller Brust
Von Rosenduft und Frühlingsluft:
ziep ziep ziep ziep ziep ziep ziep ziep -
„„Kratsch, krietsch, kratsch, krietsch!" kreischte die junge Fledermaus und verdrehte die Augen.„Das finde ich grässlich!" rief entsetzt die Nachtigall.„ Das ist die Fledermaus- Tonleiter!" schrie gekränkt die alte Fledermausmama.„Damit könnt ihr aber im Walde unmöglich singen", sagte die Nachtigall, „da passt ihr besser zum musikalischen Katerverein, der alle Abend auf der Stadtmauer beim alten Wetterhahn zusammenkommt."
Da flogen die beiden Fledermäuse betrübt nach Hause, warteten bis es Abend wurde und begaben sich dann nach der alten Stadtmauer.Dort standen der eiserne Wetterhahn und ächzte im Mondschein. Er sah aus wie ein richtiger Hahn, und darum glaubte er auch, er sei einer.„Warum stöhnst du so, alter Wetterhahn?" fragten die Fledermäuse.„Ich habe ein verrostetes Bein!" krähte er.„Das muss unangenehm sein", meinte mitleidig Mäusechen, „ein verrostetes Bein muss sehr unangenehm sein."
„Macht Platz!" krähte der Wetterhahn, „ich sehe den Kater kommen."Die beiden Fledermäuse duckten sich schnell in ein Mauerloch, und-ja, nun passt mal auf!
Über die lange Stadtmauer kam ein rabenschwarzer Kater geschritten. Sein Schwanz stand wie ein Säbel hoch in der Luft, sein Fell glänzte, und seine Augen sprühten Funken. Er rieb sich schnurrend an dem alten Wetterhahn, machte dann einen kugelrunden Buckel und schrie:„Miau, miau, miau, ich suche eine Frau,mit Augen feuerhell und rabenschwarzem Fell.
Miau, miau, miau, ich suche eine Frau."Da kam von der anderen Seite ein zweiter Kater herbei. Der war gelb und hatte weiße Streifen über den Rücken. Das ist eine sehr feine Sorte.Als er den schwarzen Kater erblickte, funkelte er ihn wütend an und machte einen Buckel, so krumm, dass alle vier Pfoten auf einem Punkt zusammenstanden.„Miau!" schrie er böse.„Miau, miau!" antwortete der andere. Dann schlugen beide mit den Schwänzen durch die Luft, dass es pfiff, und fauchten sich an wie die Schlangen. Plötzlich stellten sie sich auf die Hinterbeine und ohrfeigten sich mit den Vorderpfoten.So sagen sich nämlich Kater „Guten Abend".Als sie sich zu Ende geprügelt hatten, stellten sie sich nebeneinander, reckten die Köpfe wehmütig nach dem Mond hinauf und heulten kläglich in die Nacht:
„ Miau, miau, miau, wir suchen eine Frau,mit Augen feuerhell und rabenschwarzem Fell.Miau, miau, miau, wir suchen eine Frau."
„Pass gut auf!" flüsterte die alte Fledermausmutter Mäusechen im Mauerloch zu, „pass gut auf, damit du singen lernst."„Au ja, au ja", rief Mäusechen, „ich finde es herrlich, ich glaube, ich kann schon etwas." Und es rieb sich vor Freude die Pfoten. Jetzt schlichen von allen Dächern die Katzen herbei, fein säuberlich geputzt und geleckt, wie es sich für ordentliche Katzen schickt.Sie ließen sich von den beiden Katern den Hof machen und tanzten um den Wetterhahn.
Dann riefen sie: „Jetzt lasst uns das Katzenlied singen."Und sie stellten sich alle in eine Reihe, reckten die Hälse und heulten:
Miau, miau, miau,
wir Katzen, wir sind schlau.
Im Keller und im Hausda fangen wir die Mausund machen ihr Garaus.
Die allerkleinste Katzeerwischt die größte Ratzemit einem einzigen Satze.
Miau, Miau, miauwir Katzen, wir sind schlau."Hier hielten sie plötzlich inne und schnupperten am Boden und spitzten die Ohren.„Miau, ich rieche Mäusefleisch!" schrie der schwarze Kater mit schrecklicher Stimme.„Wir auch, miau, miau, wir auch!" heulten die anderen.Auf einmal kreischte Mäusechen im Mauerloch laut auf. Der schwarze Kater hatte ihr die Krallen in den Flügel gehauen.„Miau, herbei, herbei!" schrie er wütend und peitschte mit seinem Langen Schweif die Luft.„Ich alter Katzenvater bin doch der schlau'ste Kater im ganzen Stadtrevier.Hier hilft jetzt kein Miauen,ich halte in den Klauenein Mi- Ma- Mäusetier."Nun entstand ein großer Lärm. Die Katzen heulten grässlich durcheinander, und der Wetterhahn drehte sich wie toll um sein verrostetes Bein und krähte:„Lasst sie raus, lasst sie raus,'s ist ja bloß'ne Fledermaus. Aber keiner hörte auf ihn, alle heulten nur noch schrecklicher, und die Fledermäuse kreischten jämmerlich um Hilfe.
Da rauschte es plötzlich in der Luft, und mit glutroten Augen kam der graue Eulenherr angeflogen.Links, rechts, links, rechts hackte er mit seinem spitzen Schnabel auf die entsetzten Katzen los und johlte fürchterlich und drohend:„Hu hu hu, hu hu hu,alter böser Kater du,lässt du nicht die Maus heraus,hack' ich die Augen aus.Hu hu hu, hu hu hu,alter böser Kater du!"
Da zogen die Katzen erschreckt die Schwänze ein und schlichen beiseite.Die Fledermäuse aber flogen weinend und zerzaust mit der Eule davon, und Mäusechen wurde gleich zu Bett gebracht und bekam einen kräftigen Würmertee.
Als aber der Eulenherr hörte, dass Mäusechen seinetwegen alles Leid erdulden musste, wurde er sehr gerührt, weinte zwei große Tränen und hielt noch selbigen Abend um Mäusechens Pfote an.So wurden sie Mann und Frau und zogen in den alten Kirchturm, und da leben sie noch heute auf ihren Menschenhaar- Matratzen.Die Kater kommen aber noch jeden Abend auf dem Dach beim alten Wetterhahn zusammen und heulen:Miau, miau, miau, wir suchen eine Frau,mit Augen feuerhell und rabenschwarzem Fell.Miau, miau, miau, wir suchen eine Frau."Und ich bin sicher, ihr habt sie selber schon oft gehört.
Aus der Kinder Lieblingsmärchen   

 


Das Märchen von der Fledermaus (China)
Vor langer Zeit lebte die Fledermaus genau wie die anderen Vögel im Wald. Jeden Morgen, kaum dass die Sonne aufgegangen war, flog sie aus dem Nest. Mal sang sie, und mal suchte sie Futter. Eines Tages gerieten der Rabe und die Elster wegen einer Getreideähre in Streit.
Der Rabe sagte, er habe sie zuerst gesehen, deshalb dürfe er sie fressen, und die Elster sagte, sie habe sie gefunden und könne sie nicht dem Raben überlassen. Keiner wollte nachgeben, sie stritten sich ganz fürchterlich, und schließlich fingen sie sogar an, sich zu schlagen.
Dabei gerieten sie aus dem Wald hinaus und dachten gar nicht mehr an die Ähre. Als der Rabe und die Elster in Streit geraten waren, saß die Fledermaus daneben auf einem Baum und ruhte sich aus. Als sie sah, dass die beiden verschwunden waren, flog sie sachte zur Erde herab und trug die Ähre fort. Als sich die Fledermaus satt gefressen hatte, flog sie fröhlich im Wald umher und sang mit lauter Stimme. Sie kam zum Rabennest und sah, dass der Rabe grün und blau geprügelt war und wütend war. Da setzte sie sich zu ihm und sagte leise": Bruder Rabe, Bruder Rabe! Wir sind doch alte Freunde, und ich mag dich am liebsten. Darum komme ich extra zu dir, um dir zu sagen, dass die Elster dich eben beschimpft hat. Sie hat gesagt, du seiest ein hässlicher schwarzer Dummkopf und du dürftest ihr nicht ihre Getreideähre stehlen."
Als der Rabe das gehört hatte, schimpfte er wütend": Und was ist sie? Einfach ein Taugenichts! Wenn ich sie nicht totbeisse, ersticke ich vor Wut!"
Die Fledermaus tat auch ganz empört und sagt ein paar Schlechtigkeiten über die Elster. Dann flog sie weg.Sie flog zur Elster ins Nest und sagte": Bruder Elster, Bruder Elster! Wir sind doch alte Freunde, und ich mag dich am liebsten. Darum komme ich extra, um dir zu sagen, wie der Rabe dich beschimpft hat. Erhat gesagt, du seiest ein Taugenichts und nichts anderes, außerdem will er dich Todbeißen."
Als die Elster das hörte, war sie sprachlos vor Wut. Die Fledermaus redete ihr noch scheinheilig zu, schimpfte auf den Raben, und dann flog sie weg.
Seitdem waren der Rabe und die Elster Feinde, aber beide hielten sie die Fledermaus für ihren besten Freund und luden sie oft zu sich ein.
Der Phönix ist der König der Vögel. Als er erfuhr, dass der Rabe mit der Elster verfeindet war, wollte er sie wieder versöhnen. Eines Morgens versammelten sich alle Vögel. Die Lerche kam, der Häheling, der Kuckuck... und auch die Fledermaus kam. Zuletzt kamen der Rabe und die Elster.
Kaum dass sie einander erblickten, regten sie sich so auf, dass ihnen die Augen aus dem Kopf quellen wollten.Als der Phönix sah, dass alle Vögel beisammen waren, befahl er dem Raben und der Elster zu erzählen warum sie sie gestritten hatten, dann sollten alle Vögel zusammen Recht sprechen. Der Rabe erzählte, wie sie um die Getreideähre in Streit geraten waren und wie die Elster ihn einen hässlichen schwarzen Dummkopf geschimpft hatte.
Da hielt es die Elster nicht länger aus und unterbrach ihn": Ich habe ihn nicht beschimpft. Er hat ja mich einen Taugenichts genannt und gesagt, er wolle mich totbeißen."„ Hättest du nicht als erster geschimpft, hätte ich dich niemals beschimpft", erklärte der Rabe.
Die Elster sagte, sie habe den Raben nicht beschimpft; der Rabe sagte, die Elster habe ihn doch beschimpft. Sie stritten so miteinander, dass sie ganz rot im Gesicht wurden und ihre Hälse anschwollen.Als der Phönix sie so hörte, entschied er, sie sollten sich Zeugen suchen. Rabe und Elster erwiderten wie aus einem Munde": Die Fledermaus ist mein Zeuge."
Jetzt richteten sich alle Blicke auf die Fledermaus, und jeder wartete darauf, dass sie etwas sagte. Aber die Fledermaus, die merkte, dass ihr Betrug herausgekommen war, stammelte nur und wusste keinen einzigen Satz zu sagen.
Alle drängten sie jetzt zu reden, aber was sollte sie schon sagen. Sie ließ den Kopf hängen, wurde rot im Gesicht und flog schließlich stumm davon.Jetzt wurde plötzlich allen klar, der Rabe und die Elster hatten sich verfeindet, weil die Fledermaus sie aufgehetzt hatte.
Da bereuten der Rabe und die Elster, dass sie auf die Fledermaus gehört hatten, und vertrugen sie wieder. Alle Vögel aber wussten, dass die Fledermaus nicht ehrlich war, und niemand wollte mehr mit ihr zu tun haben.
Die Fledermaus flog nach Hause und schämte sich. Sie wollte die anderen Vögel nicht mehr sehen, zog aus dem Wald fort und lebt seitdem bei den Menschen unter der Dachtraufe. Am Tage hat sie Angst, die anderen Vögel zu treffen, und verbirgt sich zu Hause. Erst wenn es Abend wird und die anderen Vögel in den Wald zurückkehren, fliegt sie aus, aber sie flattert immer nur in der Nähe ihres Neste hin und her und fängt kleines Gewürm zum Fressen. Weil sie Angst hat, die anderen Vögel könnten sie hören, singt sie auch nicht mehr.Bis zum heutigen Tag lebt die Fledermaus nicht so wie die anderen Vögel.
Chinesische Märchen Insel Verlag 1.Auflage 1991

 

Stand 21.2.2017

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